Psalm 39
Vers 1
Mein Vorsatz war, stets auf der Hut zu stehn,
mich durch die Zung nicht zu vergehn,
und feierlich macht ich, mit meinem Mund
zu schweigen, einen festen Bund,
solang mein Aug mit heimlichem Verdruß
den Böswicht glücklich sehen muß.
Vers 2
Ich schwieg der Red, und, stumm für jede Freud,
entfloh mir die Zufriedenheit.
Verbiß ich mich und fraß mein Leid in mich,
so brannt ein Feuer innerlich;
das Herz ward Glut, die Flamme lodert auf,
da nahm die Zunge freien Lauf.
Vers 3
Herr, lehre stets mich merken auf mein Ziel,
ach, meiner Tage sind nicht viel!
Laß mich doch sehn, daß ich vergänglich bin,
die Handbreit Tage schwindet hin,
nichts ist vor dir die höchste Lebenszeit,
ach, jeder Mensch nur Eitelkeit!
Vers 4
Dem Schattenbild, dem Schemen folgen wir,
nichts als Geräusch um Tand ist hier.
Wie mancher sucht Glückseligkeit und spricht:
»Ich suchte sie, doch fand sie nicht!«
Er häuft sein Gut und bleibt doch kummervoll,
er weiß nicht, wer’s genießen soll.
Vers 5
Nun, was erwart ich denn, ich Sterblicher?
Ich hoff allein auf dich, o Herr!
Vergib, vergib mir alle meine Schuld,
errett und trag mich mit Geduld!
Oh, setze mich den Toren nicht zum Spott;
Ich hoff auf dich, mein Herr und Gott!
Vers 6
Ich schweige dir, nie öffn’ ich meinen Mund;
dein Weg macht dich den Heilgen kund.
Ach, wende deine Plage bald von mir!
Sieh, ich vergehe sonst vor dir!
Ich fühle, daß mir alle Kraft entfährt,
wenn deine Strenge länger währt.
Vers 7
Wenn, Herr, dein Zorn den, der die Zucht gehaßt,
wenn er den Erdbewohner faßt,
wie bald liegt seine Schönheit da verheert,
wie von den Motten weggezehrt!
Was prahlet denn der Mensch mit Herrlichkeit!
Er selber ist ganz Eitelkeit!
Vers 8
Hör mein Gebet, o Herr, vernimm mein Schrei’n!
Ach, schweig nicht, da ich vor dir wein!
Ich bin ein Gast, ein Pilgrim ja bei dir,
wie vormals meine Väter hier.
Laß ab von mir, daß ich mich noch erquick,
eh ich zum Staube kehr zurück!