Psalm 90
Vers 1
HERR, Du allein warst von den frühsten Jahren
stets Deinem Volk die Zuflucht in Gefahren.
Vor der Geburt der Berge, eh die Erde
vernahm Dein Wort, Dein allgebärend "Werde"!
warst Du, Du bist, und Du wirst sein, o Gott,
von Ewigkeit zu Ewigkeiten Gott!
Vers 2
Rufst du, o Herr: »Kehr, Mensch, zur Erde nieder!«,
so wirft dein Wort uns in den Staub darnieder.
Was sind vor dir, o Quell der Ewigkeiten,
Jahrhunderte von unsern Lebenszeiten!
Vor deinem Aug entfliehen tausend Jahr
wie uns die Nacht, der Tag, der gestern war.
Vers 3
Du strömst uns weg, und wir, die kaum entstehen,
wir schlummern ein, und siehe, wir vergehen.
Ja, wir sind Gras, das, wenn’s schon blühend stehet,
doch blühend fällt und bald wird abgemähet;
des Morgens grünt’s, des Abends liegt’s verdorrt:
So schleppt der Tod uns schnell zum Grabe fort.
Vers 4
Wir fallen hin, ach, wer kann vor dir stehen,
da wir, o Gott, durch deinen Zorn vergehen!
Es ist dein Grimm, der alle tödlich schrecket,
der fürchterlich uns aus dem Taumel wecket.
Weh uns! Du ziehst jetzt unsre Sünd ans Licht,
die heimlichste kommt vor dein Angesicht.
Vers 5
Ach, wir vergehn durch unsre schweren Sünden!
Dein Zorn gebeut’s, all unsre Tage schwinden!
Wir taumeln fort in unruhvollen Jahren,
daß sie uns bald wie ein Geschwätz entfahren.
Ja, siebzig Jahr währt etwa unser Lauf,
der Stärkre steigt noch bis zu achtzig auf.
Vers 6
Das Leben, ach, ist nur ein trüber Schlummer,
Das köstlichste darin voll Müh und Kummer.
»Komm, schnell zu fliehn!«, so ruft ein Tag dem Tage,
und jeder drückt mit seiner eignen Plage.
Hört, alles spricht in einem Trauerton:
»Wir leben hier, als flögen wir davon.«
Vers 7
Wie furchtbar, Herr, bist du in deinem Grimme!
Doch wer erkennt, wer fürchtet deine Stimme?
Ach, lehre du uns unsre Tage zählen
und unser Herz die wahre Weisheit wählen!
Herr, kehre bald in Huld zu uns zurück,
erfreu dein Volk mit deinem Gnadenblick!
Vers 8
Erfüll uns früh mit deiner Huld und Gnade,
sei unser Licht, führ uns auf deinem Pfade!
Dann jauchzen wir, weil du uns hast vergeben,
und freuen uns in dir durchs ganze Leben.
Erquick uns auch, da du durch schwere Last
so manches Jahr uns hart gedrücket hast!
Vers 9
Laß, Herr, dein Werk an deinen Knechten sehen,
daß deinen Ruhm die Enkel noch erhöhen!
Herr, unser Gott, blick huldreich an uns nieder
und fördre du nun unsre Werke wieder!
Ja, fördre du, was unsre Hände tun,
laß dein Gedeihn auf unsrer Arbeit ruhn!