Psalm 78
Vers 1
Gib acht, mein Volk, ich geb erhab'ne Lehren!
Neig her dein Ohr und übe dich im Hören!
Es spricht mein Mund von göttlichen Geschichten,
dich, Gottesvolk, von Gott zu unterrichten.
Ich mache jetzt die alten Rätsel klar
und lege dir der Vorwelt Weisheit dar.
Vers 2
O seht, wie treu uns unsre Väter lehrten,
daß wir wie sie auch unsern Gott verehrten!
Drum wollen wir’s auf unsre Kinder bringen,
daß sie von ihm zu ihren Enkeln singen.
Groß ist sein Ruhm! Verkündigt früh und spat
die Macht des Herrn, die Wunder, die er tat!
Vers 3
In Jakob steht sein Zeugnis aufgerichtet,
für sein Gesetz bleibt ihm sein Volk verpflichtet:
Den Vätern hat er den Befehl gegeben,
daß sie danach die Kinder lehrten leben,
und jeder so das kommende Geschlecht
an seiner Hand zu Gott hinführen möcht.
Vers 4
Sie sollen all auf seine Taten schauen,
auf ihn allein in Not und Tod vertrauen
und treulich fort in seinem Zeugnis wandeln,
auf daß sie nie gleich jenen Vätern handeln:
Die fielen ab, ihr Herz war nimmer fest,
ihr Geist nie treu dem, der sie hatt’ erlöst.
Vers 5
Trotzt Ephraim auf Harnisch, Schwert und Bogen –
wie hat sein Stolz ihn in der Schlacht betrogen!
Sie wandten sich und flohen vor dem Feinde,
verließen feig und treulos ihre Freunde.
Sie wollten nicht in Gottes Wegen gehn,
drum konnten sie nicht vor dem Feind bestehn.
Vers 6
Die sein Gesetz undankbar übertraten,
vergaßen bald des Herrn allmächtge Taten,
der furchtbar sich vor ihren Feinden zeigte
und sich in Huld zu unsern Vätern neigte.
Ägpyten zeugt, was er für sie getan,
und Zoan weist noch seine Wunder an.
Vers 7
Er trennt das Meer, uns Wege zu bereiten,
und kommt herab, sein Volk hindurchzuleiten.
Er hieß die Flut wie eine Mauer stehen –
sie stand und sah uns durch den Abgrund gehen.
Er wohnt und führt des Tags in einer Wolk,
des Nachts im Feur erleuchtet er sein Volk.
Vers 8
Oh, wer vergeht, wenn Gott ihn will erhalten?
Wen dürstet, seh dort ihn den Felsen spalten;
er tränkt sein Volk aus seiner Gottesfülle.
Wie gütig und allmächtig ist sein Wille,
da aus dem Stein ein Strom von Wasser fließt,
der ringsumher in Bäche sich ergießt.
Vers 9
Noch wollten sie den nahen Gott nicht finden,
verschmähten ihn und gingen fort in Sünden,
erzürnten frech den Höchsten in der Wüste
und wähnten, daß er sie befriedgen müßte,
versuchten Gott in Herzenshärtigkeit
und heischten Speis in ihrer Lüsternheit.
Vers 10
Sie meisterten den hohen Gott und sprachen:
»Kann er uns auch nicht reiche Tafel machen?
Wer kann es sonst in dieser Wüste halten?
Der Wasser gibt und Felsen konnte spalten,
kann der uns nicht auch Brot und Fleisch verleihn?
Soll ohne dies sein Volk zufrieden sein?«
Vers 11
Der Ewige vernahm der Frechen Stimme,
er schaut’ herab auf Israel im Grimme,
der wie ein Feur in Jakob bald entbrannte,
weil dies sein Volk ihn, seinen Herrn, verkannte.
Sie glaubten nicht an Gott in ihrer Not,
mißtrauten dem, der immer Hilfe bot.
Vers 12
Sprach nun der Herr, daß Israel vergehe?
Nein, er gebot den Wolken in der Höhe,
den Himmel schloß er auf, um sie zu segnen,
und ließ auf sie herab das Manna regnen.
Er speiste sie mit fettem Himmelskorn,
und unerschöpft quoll dieser Segensborn.
Vers 13
Der Himmel ward ihr Brothaus auf der Reise,
nie fehlte Trank, nie mangelte die Speise.
Sie freuten sich, da Bäch im Sande flossen
und Menschen nun auch Engelskost genossen.
Nun sahen sie, wie Gott die Seinen liebt,
der alles, der mit Wohlgefallen gibt.
Vers 14
Der Herr gebot dem Ostwind aufzustehen,
sein Finger winkt’ dem Südwind herzuwehen,
und Winde sind bereit, sein Volk zu segnen.
Der Herr ließ Fleisch wie Staub vom Himmel regnen.
Da lag es nun um ihre Zelte her
von Flügelwerk so dicht wie Sand am Meer.
Vers 15
Sie aßen nun mit lüsternem Genusse,
bald übersatt bei ihrem Überflusse.
Doch Lüsternheit nach Fleisch war kaum gestillet,
so war ihr Maß der Bosheit auch erfüllet:
Sie hatten noch das Fleisch in ihrem Mund
und sanken hin in des Verderbens Schlund.
Vers 16
Der Zorn des Herrn entbrannt in lichten Flammen,
er kam herab, zum Tode zu verdammen.
Da stürzten die Gemästeten darnieder,
der Jüngling krümmt’ im Tode seine Glieder.
Noch glaubten sie an Gottes Wunder nicht,
sie sündigten stets fort beim Strafgericht.
Vers 17
In Eitelkeit verschwanden ihre Tage,
ihr Leben selbst ward ihnen eine Plage.
Doch drohte Gott im Zorne, sie zu töten,
so fragten sie nach ihm in ihren Nöten
und riefen den mit vielem Eifer an,
der töten und lebendig machen kann.
Vers 18
»Ja«, sprachen sie, »der Herr ist Gott der Götter,
der Höchste bleibt doch unser Fels und Retter.«
So heuchelten sie Gott mit ihrem Munde,
sie blieben nicht vor ihm in seinem Bunde.
Die Zunge tat Gelübde fester Treu,
doch all ihr Tun war lauter Heuchelei!
Vers 19
Gott selbst war nie ihr einziges Verlangen,
nie blieb ihr Herz recht fest, ihm anzuhangen.
Gott sah es, doch er will nicht das Verderben,
er ließ sie nicht in ihren Sünden sterben!
Barmherzig war er, ging nicht ins Gericht,
vergab die Schuld, und er vertilgte nicht.
Vers 20
Wenn schon der Zorn entbrannte, zu zerstören,
das ganze Volk auf einmal zu verzehren,
so nahm er oft doch seinen Zorn zurücke,
daß nicht sein Grimm sie gänzlich unterdrücke.
Er dachte: Sie sind Fleisch, das nicht besteht,
und gleich dem Hauch, dem Schatten, der vergeht.
Vers 21
Wie oft, wie oft muß uns die Wüste lehren,
daß wider Gott sein Volk sich darf empören!
Sie meisterten den Heiligen dort oben,
sie setzten Gott stets frech auf neue Proben,
sie dachten nicht mehr seiner hohen Macht,
des Tages nicht, der ihnen Heil gebracht.
Vers 22
Ägyptenland, das Zeichen Gottes schreckten,
und Zoans Flur, die seine Wunder deckten,
da Israel von ihnen ward mißhandelt,
sehn noch die Hand, die Ström in Blut verwandelt,
untrinkbar macht das Wasser ringsumher,
doch Israel sah seinen Herrn nicht mehr.
Vers 23
Ein Fliegenschwarm muß Jakobs Feind bekriegen,
ein Fröscheheer den Pharao besiegen,
der Erdkrebs muß all ihr Gewächs verzehren,
die Heuschreck kommt, die Saaten zu verheeren.
Verwüstet lag nun Feld und Garten da:
Doch wer war dort, der Gottes Finger sah?
Vers 24
Wo Gott zerstört, wer kann da etwas retten?
Den Weinstock ließ er durch den Hagel töten,
den Feigenbaum durch seine Kälte sterben
und all ihr Obst durch seinen Frost verderben.
Er gab ihr Vieh den Schloßen hin zum Raub,
dort schlug sein Blitz die Herden in den Staub.
Vers 25
Wie flammt sein Grimm! Er hat ihn losgelassen.
Angst, Zorn und Wut muß seine Feinde fassen,
da eine Schar von Unheilsboten mahnte,
daß er den Weg zum Zorngerichte bahnte.
Er schont auch nicht, er häufte Not auf Not
und gab der Pest ihr Leben hin zum Tod.
Vers 26
Seht, er erschlug Ägyptens Erstgebornen,
in Hütten Chams schlug er die Auserkornen.
Nun bebt der Fürst, nun fällt sein stolzes Wüten:
Er muß in Not den Auszug selbst gebieten.
Gott ließ sein Volk wie seine Schafe ziehn;
ihr Hirte führt sie durch die Wüste hin.
Vers 27
Wir sehn das Volk, das sich von Gott läßt führen,
auch wenn es flieht, noch herrlich triumphieren.
Gott leitet es, und sicher auch vor Schrecken
sieht es das Meer nun seinen Feind bedecken.
Treu führt er sie in das verheißne Land,
zum heilgen Berg, erhöht durch seine Hand.
Vers 28
Der Herr vertrieb vor ihnen her die Heiden,
teilt’ ihnen zu der Völker fette Weiden
und setzte sie in jener Hütten nieder.
Allein, sein Volk vergaß bald seiner wieder,
sie hielten sein Gesetz und Zeugnis nicht,
erzürnten Gott, so furchtbar im Gericht!
Vers 29
Sie fielen ab und wurden Übertreter
mit frecher Stirn, wie vormals ihre Väter,
krumm und verdreht gleich einem losen Bogen,
womit man zielt und stets sich sieht betrogen.
Sie räucherten auf Höhn und reizten Gott.
Sein Dienst ward nun durch Götzendienst zu Spott.
Vers 30
Der Herr vernahm’s, und sieh, sein Zorn entbrannte,
da ihn sein Volk vor aller Welt verkannte,
und er verwarf, die sonst die Seinen waren.
Er ließ im Zorn sein Haus in Silo fahren:
Da stand der Sitz nun leer, wo er gethront,
seitdem er, Gott, bei Menschenkindern wohnt.
Vers 31
Er wich, hieß seinen Gnadenstuhl entführen
und Israel die Herrlichkeit verlieren,
gab seinen Thronsitz ihrer Feinde Händen
und ließ, was sie entweiht, von Heiden schänden.
Er übergab sein Volk, das ihn entehrt,
entrüstet hin in ihrer Feinde Schwert.
Vers 32
Sein Feuer fraß den Jüngling aus dem Lande,
kein Lied besang die Braut in ihrem Stande,
und schüchtern flohn ihr alle heitern Stunden.
Ach, täglich schlug das Schlachtschwert tiefre Wunden,
da es dem Volk die Priester Gottes raubt,
den Witwen auch das Weinen nicht erlaubt.
Vers 33
Ruht sie schon lang, sie kommt gewiß, die Strafe.
Der Herr steht auf, erwachet wie vom Schlafe,
kommt – wie der Held voll Kraft, vom Wein erquicket,
zum Streite ruft, wenn er den Feind erblicket:
Er kam und schlug, setzt’ seinen Feinden nach
und deckte sie mit ewger Schand und Schmach.
Vers 34
Jetzt wählt er nicht die Hütten Josephs wieder,
er kommt nicht mehr in Ephraim hernieder.
Der Herr will stets, wer treu ihm anhängt, lohnen,
wählt Juda nun, um unter uns zu wohnen,
hat Zion lieb und diesen Berg geweiht:
Hier wohnet er, der Herr der Herrlichkeit.
Vers 35
Dort stehet nun sein Heiligtum – o schauet!
Er hat es selbst dem Himmel gleich gebauet,
und ewig steht’s, so wie der Erdball stehet.
Der Herr, der uns erniedrigt und erhöhet,
nahm seinen Knecht, des Jessen jüngsten Sohn,
von Hirten weg und setzt’ ihn auf den Thron.
Vers 36
Ward David erst beim Schaf- und Lämmerweiden
gebildet, nun sollt er auch Menschen weiden.
Der Herr gab ihm sein Erb und seine Herde,
daß er der Hirt der Stämme Jakobs werde.
Er weidet’ sie auch treu und mit Verstand
und führt’ und schützt’ dies Volk mit tapfrer Hand.